Die, die immer lachen … für A. K.

Eine Wunschkolumne:

Ich bin vor einigen Wochen gefragt worden, ob ich etwas schreiben kann über den Song von Kerstin Ott – „Die immer lacht“.
Ich sagte spontan ja, musste das aber revidieren. Ich habe den Song gehört, mir den Songtext durchgelesen, und musste für mich feststellen, dass der Text keine Grundlage für eine Kolumne ist, zu refrainlastig. Das Thema Depressionen, Burn out und all die anderen psychischen Erkrankungen werden zwar in diesem Lied angekratzt, aber meiner Meinung nach inhaltlich zu wenig. Sorry, Kerstin Ott.
Ja, die Menschen die immer lachen, und von denen wir nicht im entferntesten ahnen, dass diese Menschen aus unserer Familie, unserem Freundes- und Bekanntenkreis an Depressionen leiden.
Ich saß vor einigen Wochen neben einer hübschen, bezaubernden, jungen Frau, welche mir die Frage nach dieser Kolumne stellte. Und die dann dieses Lied von Kerstin Ott auf dem Smartphone anstellte. Neben uns saß die Mutter der jungen Frau, und plötzlich liefen dieser die Tränen. Warum?
Weil diese Mutter die Mutter einer Tochter ist, der es psychisch richtig dreckig ging. So dreckig, dass ein Suizidversuch die Folge war. Man fand sie frühzeitig, ihr Plan ging nicht auf. Darüber bin ich froh!
Viele outen sich auch hier, über soziale Plattformen. Wenn es für die Betroffenen eine Hilfestellung ist, ein Schrei nach Aufmerksamkeit und Akzeptanz, dann ist das in Ordnung.
Immer wieder bin ich erstaunt, wer so alles mit Depressionen zu kämpfen hat. Menschen, von denen ich es nicht geahnt habe. Menschen, die viel gelacht haben, gute Laune versprühten, nie auf mich den Eindruck machten als ginge es ihnen nicht gut. Mehr und mehr öffneten sich diese, mehr und mehr bekam ich mit warum ich plötzlich eine bestimmte Kollegin nicht mehr sah. Mich hat es geschockt zu hören, dass viele so abstürzten, dass sie kein Auto mehr fahren können weil sie starke Medikamente nehmen. Es hat mich geschockt zu erfahren, wer sich alles in stationärer Behandlung befand. Es hat mich geschockt wie schnell ein im Leben stehender Mann plötzlich von Panikattacken und Angstzuständen heimgesucht wird, die ihn um den Verstand bringen. Weil viele von ihnen immer gelacht haben und somit die Maske aufsetzten.
Da wären wir auch beim nächsten Thema. Ich selber kann mich an Zeiten erinnern, als ich noch als Arzthelferin tätig war, und versuchte für Patienten Termine bei einem Psychologen/Psychotherapeuten zu machen. Das war ein Ding der Unmöglichkeit. Diese waren nämlich damals alle überlaufen, hatten Wartelisten. Damals äußerten sich viele Mitmenschen in die Richtung:
„Um Gottes Willen, da geh ich nicht hin. Wer hat denn sowas nötig?“
„Wer braucht denn einen Psychologen? Sind das alles Weicheier?“
„Also bitte, man muss sich doch zusammenreissen können.“
„Diese ganze Psycho-Schiene ist Mumpitz, das gab es früher auch nicht.“
Ach was. Und wie kommt es dann, dass Psychotherapeuten keine Termine anbieten können, weil diese keine Kapazitäten mehr haben? Geht doch keiner hin? Sind doch alle psychisch gefestigt, oder?
Noch immer ist es so, dass psychische Erkrankungen als „Spinnerei“ angesehen werden, als „verkappte Faulheit“ etc.
Nein, so ist es leider nicht.
Es gibt Eltern, Großeltern, Freunde und Kollegen oder was weiß ich, die es nicht akzeptieren, wenn ein Kind/Großkind/Neffe/Kumpel/Kollege oder was auch immer, an Depressionen leidet. Das gab es damals nicht, das gibt es heute auch nicht. Punkt. Genau diese Menschen sind oftmals für mich eigentlich auch Patienten, denn diese Menschen haben ein Problem. Man kann Depressionen nicht heilen wenn man sich am Riemen reisst, den Arsch zusammenkneift, Sitte und Ordnung lernt. Wenn ich sowas schon höre. Das Leben ist nicht für jeden von uns ein Geschenk, das Leben ist nicht für jeden von uns ein Job, den man einfach so erledigt. Das Leben ist nicht für jeden von uns mit links zu bewerkstelligen.
Ich wette jeder von Euch hatte schon Phasen, in denen ihr aufgrund bestimmter Vorfälle auch mal kurz die Kontrolle verloren habt, abgestürzt seid, in denen es Euch schwergefallen ist morgens aufzustehen, Euch einen Kaffee zu kochen, Euer Leben auf die Kette zu kriegen. Davon kann auch ich mich nicht freisprechen. Menschen mit Depressionen haben das jeden Tag. Depressionen tun weh, das ist Schmerz, die nackte Angst, Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit in ihrer schlimmsten Form. Mir tut es für alle leid, die damit zu kämpfen haben, die nach außen eine Rolle spielen müssen, die auf wenig Verständnis stoßen und sich für ihre Krankheit, für die sie nicht mal etwas können, verurteilen lassen müssen. Auch mir fällt es teilweise schwer mit diesen Menschen umzugehen. Ich habe Angst etwas falsches zu sagen, habe Angst davor, dass Aufmunterungsversuche unangebracht sind, habe Angst davor, dass die Frage nach dem Empfinden als unangenehm empfunden wird. Das ist sicherlich falsch. Ein depressiver Mensch wird sich noch hundert Mal ausgegrenzter und beschissener fühlen wenn ich ihm signalisiere anders zu sein, nicht mit ihm umgehen zu können, ihn aufgrund der Depressionen in der Rangfolge weiter unten platziere.
„Mit der/dem kannste eh nix mehr anfangen, hat voll einen an der Waffel.“
Ist es immer eine Veranlagung? Werden Depressionen von Generation zu Generation weitergegeben? Oder sind es teilweise gewisse Schicksalsschläge bzw. schwierige Zeiten, die den ein oder anderen abstürzen lassen? Oder ist es unser Leben auf der Überholspur? Funktionieren müssen immer wieder, Tag für Tag, Hektik, Stress, Arbeiten um einfach nur die Mäuler unserer Familien zu stopfen? Leistung, Leistung, Leistung?
Allen Betroffenen viele schöne Augenblicke, und eine Zeit, die wenig von Depressionen bestimmt ist.
Und, ganz wichtig: Ganz viele Lachkrämpfe! Nicht um Eure Maske aufrecht zuerhalten, sondern weils gut tut.
Ein lieber Gruß an A. K.

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